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Kapitel 7

Nachdem wir in Kapitel 6 festgestellt haben, wie das Lamm die ersten sechs Siegel geöffnet hat, wird die Öffnung des letzten, des siebenten Siegels, erst in Kapitel 8 beschrieben. Die bisherige, chronologische Reihenfolge oder die zeitliche Abfolge der Ereignisse wird so unterbrochen, indem nun ganz besondere Dinge berichtet werden, die als eine Vorausschau zu erkennen sind. Wir werden bereits in die gewaltigen Geschehnisse der großen Trübsal versetzt. Der Bericht des Johannes geht nämlich jetzt weiter mit einer Parenthese oder Einschaltung bzw. einem Einschub, hier zunächst in einem ersten Zwischengesicht:

Und danach sah ich vier Engel stehen an den vier Ecken der Erde, die hielten die vier Winde der Erde, auf daß kein Wind über die Erde bliese noch über das Meer noch über irgendeinen Baum. Und ich sah einen andern Engel aufsteigen vom Aufgang der Sonne, der hatte das Siegel des lebendigen Gottes und rief mit großer Stimme zu den vier Engeln, welchen gegeben war, Schaden zu tun der Erde und dem Meer, und er sprach: Tut nicht Schaden der Erde noch dem Meer noch den Bäumen, bis daß wir versiegeln die Knechte unsres Gottes an ihren Stirnen.
Und ich hörte die Zahl derer, die versiegelt wurden: hundertvierundvierzigtausend, die versiegelt waren von allen Geschlechtern Israels:
von dem Geschlechte Juda zwölftausend versiegelt,
von dem Geschlechte Ruben zwölftausend,
von dem Geschlechte Gad zwölftausend,
von dem Geschlechte Asser zwölftausend,
von dem Geschlechte Naphthali zwölftausend,
von dem Geschlechte Manasse zwölftausend,
von dem Geschlechte Simeon zwölftausend,
von dem Geschlechte Levi zwölftausend,
von dem Geschlechte Isaschar zwölftausend,
von dem Geschlechte Sebulon zwölftausend,
von dem Geschlechte Joseph zwölftausend,
von dem Geschlechte Benjamin zwölftausend versiegelt.(Offb. 7, 1-8).

Ehe das siebente und letzte Siegel geöffnet wird, sieht Johannes zuvor vier Engelfürsten als kosmische Wächter auf den vier Ecken der Erde, dem kosmischen Kreuz, stehen. Diese vier Engel, und zwar vier von den sieben, die durch das Blasen der Posaunen die nächste Gerichtsserie ankündigen, werden diesmal von einem "anderen" Engel vom Aufgang der Sonne aufgefordert, ihre Gerichte über die Erde und das Meer vorläufig nicht durchzuführen. Aus allen vier Himmelsrichtungen soll das Unheil zeitweilig noch aufgehalten werden.

Somit stellt sich zugleich auch die Frage: Wer ist eigentlich dieser "andere" Engel? Einige Ausleger haben wegen seiner Herkunft vom Aufgang der Sonne auf Jesus Christus hingewiesen. Bei der Ankündigung des Tages des Herrn verheißt der Prophet Maleachi: Euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, soll aufgehen die Sonne der Gerechtigkeit und Heil unter ihren Flügeln. (Mal. 3, 20). Im Lobgesang des Zacharias sagt dieser von der bevorstehenden Geburt Jesu: ... mit der uns der Aufgang aus der Höhe aufsucht. (Luk. 1, 78 - Konkordantes Neues Testament)

Meines Erachtens geht es hier in unserem Text jedoch nicht um Jesus Christus, weil dieser "andere" Engel als Haupt der vier Engel von Vers 1 steht und sich mit ihnen in eine Reihe stellt (man beachte "wir" und "unseres Gottes" in Vers 3). Jedenfalls ist es zweifellos ein anderer starker Engel, sicherlich ein Engelfürst, vielleicht auch ein Cherub, also ein Thronengel. In der achten Vision des Propheten Sacharja berichtete dieser sein Erlebnis: Und ich hob an und sprach zum Engel, der mit mir redete: Mein Herr, wer sind diese? Der Engel antwortete und sprach zu mir: Es sind die vier Winde unter dem Himmel, die hervorkommen, nachdem sie gestanden haben vor dem Herrscher aller Lande. (Sach. 6, 4-5).

Der Prophet Hesekiel bezeugte eine ähnliche Versiegelung zu seiner Zeit: Und die Herrlichkeit des Gottes Israels erhob sich von dem Cherub, über dem sie war, zu der Schwelle des Tempels am Hause, und der Herr rief dem, der das Kleid von Leinwand anhatte und das Schreibzeug an seiner Seite, und sprach zu ihm: Geh durch die Stadt Jerusalem und zeichne mit einem Zeichen an der Stirn die Leute, die da seufzen und jammern über alle Greuel, die darin geschehen. (Hes. 9, 3-4). In der Lutherbibel erklärt heißt es dazu: Ehe das Gericht beginnt, soll ein Gottesbote alle zeichnen, die über die Greuel trauerten, wenn sie ihnen auch nicht wehren konnten. Auch hier gab es eine kleine Schar Getreuer (1. Kön. 19, 18). Das Zeichen gleicht einem Kreuz, dem letzten Buchstaben des hebräischen Alphabets (Offb. 7, 3; Gal. 6, 17).

Unser Text deutet allerdings darauf hin, daß es sich um eine symbolische Darstellung der Versiegelung mit dem Heiligen Geist handelt. Der Apostel Paulus erklärte in seinem Brief an die Gemeinde zu Ephesus den einstens geheimen Ratschluß Gottes in Christus: In ihm seid auch ihr, da ihr gehört habt das Wort der Wahrheit, nämlich das Evangelium von eurer Seligkeit - in ihm seid auch ihr, da ihr gläubig wurdet, versiegelt worden mit dem heiligen Geist, der verheißen ist, welcher ist das Unterpfand unsers Erbes zu unsrer Erlösung, daß wir sein Eigentum würden zum Lob seiner Herrlichkeit. (Eph. 1, 13-14). Später mahnte er noch im selben Brief: Und betrübet nicht den heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt seid auf den Tag der Erlösung. (Eph. 4, 30).

In seinem zweiten Brief an die Gemeinde zu Korinth heißt es: Gott ist's aber, der uns befestigt samt euch in Christus und uns gesalbt und versiegelt und in unsre Herzen als Unterpfand den Geist gegeben hat. (2. Kor. 1, 21-22). Diese Versiegelung ist also nicht äußerlich, jedoch trotzdem sichtbar in der für uns unsichtbaren Welt des Himmels. Die Versiegelung findet jedoch ohne Zweifel auf der Erde statt, wie immer nur nach Buße und Bekehrung zu Gott. Im Himmel kann sich niemand mehr bekehren, deshalb gilt für einen jeden: Wer nicht bei Lebzeiten versiegelt ist, geht dort nicht ein!

Die nun hier beschriebene Handlung der Engel unterscheidet sich jedoch in einem wesentlichen Punkt von den durch Paulus erwähnten Versiegelungen, nämlich darin, daß sie ausschließlich Gläubige aus dem Volke Israel betrifft. Diese stehen dann auch noch in keiner Verbindung zu einer Gemeinde aus den Völkern, wie das bei den ersten Christen der Fall war. Damals waren es immer Versammlungen von Juden und Heiden, die miteinander zu einer Gemeinschaft der Heiligen berufen waren. Aus diesem Grunde kann man annehmen, daß wir hier sozusagen zu einer alttestamentlichen Situation zurückgekehrt sind, die erst dann wieder eintreten kann, wenn die Gemeinde Jesu Christi in den Himmel entrückt ist. Deshalb handelt es sich bei dieser Versiegelung wohl eindeutig um eine Vorausschau der besonderen Gegebenheiten in Israel nach der Hinwegnahme der Gläubigen von der Erde, sowohl der Heiden wie der Juden, die in Christus sind.

Die klare Aussage, daß diese hundertvierundvierzigtausend versiegelt wurden von allen Geschlechtern Israels, läßt ebenfalls absolut keinen Zweifel daran, daß es sich hierbei nur um Gläubige aus den Juden, dem alttestamentlichen Volke Gottes, handeln kann. Somit sind alle anderen Auslegungen sicherlich Unsinn, denn die Bezeichnung "Israel" wird an keiner Stelle der Heiligen Schrift für die Gemeinde Jesu Christi gebraucht. Für die Glieder am Leibe Jesu Christi sehe ich auch keinen Vorzug, wenn sie zu diesen hundertvierundvierzigtausend zählen würden. Deshalb habe ich auch kein Verständnis dafür, daß dieser Zahl oft von Außenstehenden geradezu magische Bedeutung beigemessen wird, wie z. B. von den Zeugen Jehovas.

In diesem Zusammenhang wird meistens gefragt, ob die Zahl hundertvierundvierzigtausend buchstäblich oder symbolisch zu verstehen ist. Meines Erachtens höchst wahrscheinlich buchstäblich, denn die Zahl 12 = 3 x 4 ist wohl die Zahl des Bundes Gottes (3) mit dem Menschen (4); sie ist die Zahl der Regierung Gottes auf Erden. Zwölf ist darum auch die Zahl der Stammväter Israels und die Zahl der Apostel. Diese Zahl mit sich selber vervielfältigt = 12 x 12 = 144 und wieder mit der Zahl der menschlichen Verantwortlichkeit 10 in ihrer dritten Potenz = 10 x 10 x 10 = 1000 vervielfältigt = 144 000 ist so das Bild des Reiches Gottes auf Erden in seiner Vollendung. Einen triftigen Grund für eine symbolische Bedeutung gibt es deshalb hier nicht, andererseits ist es sicherlich unerheblich, wenn es doch anders wäre.

Die Aufzählung der einzelnen Geschlechter Israels hat wohl auch noch eine besondere Bedeutung. Die hebräischen Namen dieser zwölf Stämme können zunächst etwa wie folgt übersetzt werden:

- Juda = Bekenntnis oder Lob, Preis Gottes. Vergleiche die Wortspiele: Diesmal will ich JaHWeH preisen (1. Mose 29, 35) und: Dich Juda, dich werden deine Brüder preisen (1. Mose 49, 8). Es wird das Zepter von Juda nicht weichen noch der Stab des Herrschers von seinen Füßen, bis daß der Held komme, und ihm werden die Völker anhangen. Er wird seinen Esel an den Weinstock binden und seiner Eselin Füllen an die edle Rebe. (1. Mose 49, 10-11).
- Ruben = Sehet den Sohn an. Ruben, mein erster Sohn bist du (1. Mose, 49, 3). Hierzu sei bemerkt: Die Namen, die Lea ihnen gab, spiegeln ihre Empfindungen bei deren Geburt wider. Sie sind nicht genau übersetzbar, erst die von ihr zugefügte Deutung läßt den im Namen verborgenen Sinngehalt anklingen. (siehe 1. Mose 29, 31-35).
- Gad = Bedrängung. Vergleiche dazu das Wortspiel: Gad, Scharen werden ihn drängen, und er, er wird ihnen nachdrängen auf der Ferse. (1. Mose 49, 19).
- Asser = Glückseligkeit. Vergleiche die Anspielung: Ich Glückselige, die Töchter werden mich glückselig preisen. (1. Mose 30, 13).
- Naphthali = Kämpfender. Vergleiche das Wortspiel: Kämpfe Gottes habe ich mit meiner Schwester gekämpft. (1. Mose 30, 8).
- Manasse = Vergessensein. Vergleiche das Wortspiel: Denn Gott hat mich vergessen lassen alle meine Mühsal. (1. Mose 41, 51).
- Simeon = Erhörung. Vergleiche das Wortspiel: JaHWeH hat gehört, daß ich unwert bin, und hat mir diesen auch gegeben; und hieß ihn Simeon. (1. Mose 29, 33).
- Levi = Verbindung, Anschließung. Vergleiche das Wortspiel: Nun, diesmal wird sich mein Mann an mich anschließen. (1. Mose 29, 34).
- Isaschar = Belohnung. Vergleiche das Wortspiel: Gott hat mir meinen Lohn gegeben. (1. Mose 30, 18).
- Sebulon = Wohnstätte, Wohnung. Vergleiche das Wortspiel: Nun wird mein Mann doch bei mir wohnen, denn ich habe ihm sechs Söhne geboren. Und hieß ihn Sebulon. (1. Mose 30, 20).
- Joseph = Vermehrung, Hinzufügung. Vergleiche das Wortspiel: JaHWeH füge mir einen anderen Sohn hinzu (1. Mose 30, 24).
- Benjamin = Sohn der Rechten. Mit Anspielung auf den in Psalm 80, 3 erwähnten Namen Benjamin nennt der Psalmist nach der Bedeutung den Mann der Rechten, den Gottes Rechte gepflanzt hat. (Psalm 80, 16 + 18).

Alle diese Namen lassen sich dann ebenso in Beziehung setzen zu den Heilstaten Gottes mit seinem Volk Israel, wie auch mit dem Erlösungswerk Jesu Christi, z. B. heißt es: ... und gesetzt zu seiner Rechten im Himmel. (Eph. 1, 20, ähnlich Hebr. 1, 3). Das Volk Israel wird einmal dem Sohne Gottes zur Rechten der Majestät im Himmel hinzugegeben.

Obwohl Ruben der erstgeborene Sohn Jakobs war, steht hier Juda an erster Stelle. Bei der Betrachtung von Kapitel 5 haben wir bereits festgestellt: Eigentlich hatte Ruben das Erstgeburtsrecht, jedoch ging er dessen verlustig wegen seiner Sünde von 1. Mose 35, 22. Die dann folgenden Brüder Simeon und Levi waren aber auch ausgeschaltet, und zwar wegen ihrer Bluttat in Sichem, 1. Mose 34, 25-26. Daher wurde das Erstgeburtsrecht des Ruben folgendermaßen aufgeteilt:

a) Den doppelten Anteil am äußeren Erbbesitz bekamen die Söhne Josephs:
So sollen nun deine beiden Söhne Ephraim und Manasse, die dir geboren sind in Ägyptenland, ehe ich hergekommen bin zu dir, mein sein gleichwie Ruben und Simeon. (1. Mose 48, 5).
b) Die Priesterwürde bekam Levi im Hinblick auf den Gehorsam der Söhne Levi, siehe 2. Mose 32, 25-29.
c) Die Herrschaftswürde bekam Juda, der vierte Sohn Jakobs. Der Segen über Juda war eine Prophetie über den zukünftigen Herrscher, die über David hinausreicht. Darin wird auf den Einzug Jesu in Jerusalem hingewiesen, ähnlich wie bei Sacharja 9, 9: Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. (vgl. Matth. 21, 5; Mark. 11, 7; Luk. 19, 35; Joh. 12, 15).

In dieser Aufzählung fehlen nun die Stämme Dan und Ephraim, die jedoch bei der Landverteilung im Tausendjährigen Friedensreich Jesu Christi wieder erwähnt werden. In Hesekiel, Kapitel 48, werden alsdann insgesamt dreizehn Stämme genannt, die beiden Söhne Josephs nebeneinander: Neben Manasse soll Ephraim seinen Anteil haben von Osten bis nach Westen. (Hes. 48, 5). Hier in unserem Text steht für Ephraim sein Vater Joseph und für Dan wurde Levi aufgenommen. Der Kirchenvater Irenäus, Bischof von Lyon (140-202 n. Chr.), äußerte bereits damals in seinem Hauptwerk mit dem Titel: "Adversus haereses" = lat. "Gegen die Häresien" (Entlarvung und Widerlegung der Gnosis), V. 30. 2, die Vermutung, Dan sei hier weggelassen, weil der zukünftige Antichrist aus Dan kommen werde.

Diese Vorstellung leitete man u. a. aus dem Segen Jakobs über seine Söhne ab: Dan wird eine Schlange werden auf dem Wege und eine Otter auf dem Steige und das Pferd in die Fersen beißen, daß sein Reiter zurückfalle. (1. Mose 49, 17). Weiter bezeugt der Prophet Jeremia die Worte des Herrn: Man hört ihre Rosse schnauben von Dan her, vom Wiehern ihrer Hengste erbebt das ganze Land. Sie fahren daher und werden das Land auffressen mit allem, was darin ist, die Stadt samt allen, die darin wohnen. (Jer. 8, 16). Wie dem auch sei, es ist wohl bedeutsam, noch einmal zu betonen, daß es hier heißt: ...von allen Geschlechtern Israels.Mehr als zwölf Stämme gibt es nicht, und es ist sicherlich auch nicht so wichtig, welcher von ihnen zuerst genannt wird. In den vielleicht Dutzenden von Stammeslisten in der Heiligen Schrift steht Juda nie vorn, außer einmal in 4. Mose 2, 3. Ansonsten läßt sich in der Reihenfolge kaum ein bestimmtes Muster entdecken. Die Zahl zwölf ist immer die Vollzahl von allen Geschlechtern Israels, ebenso wird es dann auch im kommenden Tausendjährigen Friedensreich Jesu Christi sein, das gewiß bald anbrechen wird.

In diesem Zusammenhang sei ebenfalls darauf hingewiesen, daß des öfteren von den "verlorenen" zehn Stämmen Israels geredet wird. Im 2. Buch der Könige wird uns folgendes berichtet: Im vierten Jahr Hiskias, des Königs von Juda - da war das siebente Jahr Hoseas, des Sohnes Elas, des Königs von Israel -, zog Salmanasser, der König von Assyrien, herauf gegen Samaria und belagerte es und nahm es ein nach drei Jahren. Im sechsten Jahr Hiskias, das ist im neunten Jahr Hoseas, des Königs von Israel, wurde Samaria eingenommen. Und der König von Assyrien führte Israel weg nach Assyrien und ließ sie wohnen in Helach und am Habor, dem Fluß von Gosan, und in den Städten der Meder, weil sie nicht gehorcht hatten der Stimme des Herrn, ihres Gottes, und seinen Bund übertreten hatten und alles, was Mose, der Knecht des Herrn, geboten hatte; sie hatten nicht gehorcht und nicht danach getan. (2. Kön. 18, 9-12).

Vielfach wird nun die Auffassung vertreten, daß die zehn Stämme des Nordreiches seit damals nie wieder nach Israel zurückgekehrt seien und deshalb wohl in der assyrischen Gefangenschaft verlorengingen. Das ist jedoch nicht richtig, denn kaum 200 Jahre nach der Wegführung waren Mitglieder aller Geschlechter wieder in Israel. Das geschah so: Etwa 100 Jahre nach der Einnahme von Samaria wurde Assyrien durch Nabopolassar von Babylonien erobert und das Reich zerstört. Nur wenige Jahre danach wurde dann das Reich Juda in die Babylonische Gefangenschaft geführt, und siebzig Jahre später sind sie alle jedoch zurückgekehrt, ... ein jeder in seine Stadt, und die gekommen sind mit Serubabel, Jeschua, Nehemia, Asarja, Raamja, Nahamani, Mardochai, Bilschan, Mispereth, Bigeai, Nehum und Baana. Dies ist die Zahl der Männer vom Volk Israel: ... (Nehemia 7, 7). Diese Namen sind die Anführer der zwölf Stämme Israels. Dazu heißt es sodann in der Lutherbibel erklärt: ... nach Neh. 7, 7 sind es zwölf - stehen an der Spitze: die Rückwanderer werden als die Vertreter des alten Zwölfstämmevolkes gesehen.

Diese Tatsache wird wiederholt im Neuen Testament bestätigt. In seiner Pfingstpredigt hat Petrus seine Zuhörer zuerst als "ihr Juden" und danach als "das ganze Haus Israel" angesprochen (Apg. 2, 14 + 36). Paulus sprach von der "Hoffnung auf die Verheißung, die gegeben ist von Gott unsern Vätern und zu welcher hoffen zu kommen die zwölf Stämme der Unsern mit unablässigem Gottesdienst Tag und Nacht." (Apg. 26, 6-7). Jakobus begann zudem seinen Brief mit den Worten: "Jakobus, ein Knecht Gottes und des Herrn Jesus Christus, den zwölf Stämmen in der Zerstreuung Freude zuvor!" (Jak. 1, 1). Jedoch nach einem Bericht des jüdischen Geschichtsschreibers Flavius Josephus (37-100 n. Chr.) wurde Jakobus im Jahre 62 oder 63 von den Juden gesteinigt, also vor der Zerstörung des Tempels im Jahre 70 und so vor der damit verbundenen Gefangenschaft und Zerstreuung unter den Römern. Im Luthertext von 1912 heißt es hier: "den zwölf Geschlechtern, die da sind hin und her", d. h. alle gläubigen Juden in und außerhalb des jüdischen Landes.

In einigen Fällen wird sogar die Stammeszugehörigkeit einzelner Personen angegeben. Zacharias und Elisabeth waren Leviten (Luk. 1, 5), ebenso Barnabas (Apg. 4, 36); der Apostel Paulus war aus dem Stamme Benjamin (Röm. 11, 1), und Hanna war nun vom Geschlecht Asser (Luk. 2, 36). Mit "Juden" bezeichnete Johannes in seinem Evangelium allgemein die Obersten der Juden, fast siebzig Mal steht es so dort. In der Zeit seit dem Erdenwandel Jesu waren alle zwölf Stämme überall unter dem Namen "Juden" bekannt. Somit sind alle heutigen Juden eindeutig direkte Nachkommen der zwölf Geschlechter Israels und niemand ist verlorengegangen, wie auch der Prophet Hesekiel uns bezeugt: So spricht Gott der Herr: Siehe, ich will die Kinder Israel herausholen aus den Heiden, wohin sie gezogen sind, und will sie von überall her sammeln und wieder in ihr Land bringen und will ein einziges Volk aus ihnen machen im Land auf den Bergen Israels, und sie sollen allesamt einen König haben und sollen nicht mehr zwei Völker sein und nicht mehr geteilt in zwei Königreiche. (Hes. 37, 21-22).

Nach dieser ersten Vorausschau von der Versiegelung der hundertvierundvierzigtausend von allen Geschlechtern Israels auf der Erde, wird nun der Blick des Apostels Johannes wieder in den Himmel gelenkt. Danach, also etwas später, sieht er dann in einem zweiten Zwischengesicht eine unzählbare Schar aus allen Nationen und Sprachen anbetend vor dem Throne Gottes und dem Lamme stehen:

Danach sah ich, und siehe, eine große Schar, welche niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen, vor dem Thron stehend und vor dem Lamm, angetan mit weißen Kleidern und Palmen in ihren Händen; die riefen mit großer Stimme und sprachen: Das Heil ist bei dem, der auf dem Thron sitzt, unserm Gott und dem Lamm! Und alle Engel standen um den Thron und um die Ältesten und um die vier Gestalten und fielen vor dem Thron auf ihr Angesicht und beteten Gott an und sprachen: Amen, Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und Kraft und Stärke sei unserm Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.
Und es hob der Ältesten einer an und sprach zu mir: Wer sind diese, mit den weißen Kleidern angetan, und woher sind sie gekommen? Und ich sprach zu ihm: Herr, du weißt es. Und er sprach zu mir: Diese sind's, die gekommen sind aus der großen Trübsal und haben ihre Kleider gewaschen und haben ihre Kleider hell gemacht im Blut des Lammes. Darum sind sie vor dem Thron Gottes und dienen ihm Tag und Nacht in seinem Tempel; und der auf dem Thron sitzt, wird über ihnen wohnen. Sie wird nicht mehr hungern noch dürsten; es wird auch nicht auf sie fallen die Sonne oder irgendeine Hitze; denn das Lamm mitten auf dem Thron wird sie weiden und leiten zu den lebendigen Wasserbrunnen, und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen. (Offb. 7, 9-17).

Um dieses Zwischengesicht oder Zwischenvision richtig einordnen zu können, wollen wir uns zuerst mit der Frage eines der Ältesten an Johannes und dessen Antwort, sowie die Erklärung des Ältesten befassen: Wer sind diese, mit den weißen Kleidern angetan, und woher sind sie gekommen? Und ich sprach zu ihm: Herr, du weißt es. Und er sprach zu mir: Diese sind's, die gekommen sind aus der großen Trübsal und haben ihre Kleider gewaschen und haben ihre Kleider hell gemacht im Blut des Lammes.

Im Urtext heißt es hier ausdrücklich: aus der großen Trübsal oder Drangsal, griechisch: JlipsiV = thlipsis. Außer im vorliegenden Abschnitt kommt die Bezeichnung "große Trübsal" nur noch zweimal in der Bibel vor, beide Male im Neuen Testament, jedoch einmal davon in Kapitel 2 (Offb. 2, 22) im Sendschreiben an die Gemeinde zu Thyatira: Siehe, ich werfe sie auf ihr Bett und werfe in große Trübsal, die mit ihr die Ehe gebrochen haben, wenn sie nicht lassen von des Weibes Werken. Hierbei ging es um das Weib Isebel, die verführerische Prophetin, die im Zeitraum der Gemeinde zu Thyatira dann die römisch-katholische Kirche mit dem Papsttum darstellt. Diese Kirche wird sich sehr bald nach der Hinwegnahme der Gläubigen mit allen Religionen verbinden und so die Welteinheitskirche der Endzeit bilden, deren Oberhaupt aber weiterhin der Papst sein wird.

In Kapitel 2 wurde bereits festgestellt: Allerdings ist das auch prophetisch zu verstehen, indem die Liebhaber der Isebel-Kirche in die große Trübsal geworfen werden, die später in der Offenbarung erwähnt wird, insbesondere ab Kapitel 16. Auf diese große Trübsal hat der Herr Jesus schon in seiner Ölbergrede hingewiesen, in welcher er die Frage seiner Jünger nach dem Zeitpunkt seiner Wiederkunft beantwortete. Jesus aber sprach zu ihnen: Wenn ihr nun sehen werdet den Greuel der Verwüstung stehen an der heiligen Stätte, von dem gesagt ist durch den Propheten Daniel (Dan. 9, 27; 11, 31) - wer das liest, der merke auf! -, alsdann fliehe auf die Berge, wer im jüdischen Lande ist; und wer auf dem Dach ist, der steige nicht hernieder, etwas aus seinem Hause zu holen; und wer auf dem Felde ist, der kehre nicht um, seinen Mantel zu holen. Weh aber den Schwangeren und Säugenden zu jener Zeit! Bittet aber, daß eure Flucht nicht geschehe im Winter oder am Sabbat. Denn es wird alsdann eine große Trübsal sein, wie sie nicht gewesen ist von Anfang der Welt bisher und auch nicht wieder werden wird. (Matth. 24, 15-21).

Infolgedessen können wir jetzt eindeutig zurückbehalten: Die "große Trübsal", die unser Text im vierzehnten Vers erwähnt, ist dieselbe große Trübsal, die unter dem Antichristen über diese Welt kommen wird. In den nachfolgenden Kapiteln wird das dann ausführlich besprochen, insbesondere bei der genauen Betrachtung dieses letzten Zeitabschnittes vor der Wiederkunft Jesu Christi zur Aufrichtung seines Tausendjährigen Friedensreiches.

In der Lutherbibel kommt dieser Ausdruck "große Trübsal" allerdings noch ein weiteres Mal vor, und zwar im zweiten Korinther-Brief. Darin bezeugte nämlich dann der Apostel Paulus: Denn ich schrieb euch aus großer Trübsal und Angst des Herzens mit viel Tränen; nicht, daß ihr solltet betrübt werden, sondern auf daß ihr die Liebe erkenntet, welche ich habe sonderlich zu euch. (2. Kor. 2, 4). Der griechische Urtext dazu lautet aber "viel Trübsal", deshalb heißt es im Konkordanten Neuen Testament auch: Denn aus viel Drangsal und Beklemmung des Herzen habe ich euch unter vielen Tränen geschrieben. Ähnlich ist es in Elbf. u. a. übersetzt, Hans Bruns überträgt mit "viel Bedrängnis". Somit hängt dieser Ausdruck hier in keinerlei Weise mit der großen Trübsal unter dem Antichristen zusammen.

Sodann steht weiterhin die Frage eines der Ältesten an Johannes vor uns: Wer sind diese, mit den weißen Kleidern angetan, und woher sind sie gekommen? Meines Erachtens können es nur dieselben sein, die in Kapitel 20 (Offb. 20, 4) erwähnt werden, da diese aus der großen Trübsal kommen: Und ich sah die Seelen derer, die enthauptet sind um des Zeugnisses von Jesus und um des Wortes Gottes willen, und die nicht angebetet hatten das Tier noch sein Bild und nicht genommen hatten sein Malzeichen an ihre Stirn und auf ihre Hand; diese wurden lebendig und regierten mit Christus tausend Jahre. Nach meiner Erkenntnis sind es ebenfalls die übrigen von ihrem Geschlecht, die da Gottes Gebote halten und haben das Zeugnis Jesu, wie es in Kapitel 12 (Offb. 12, 17) heißt, wie wir noch genauer sehen werden.

Die weißen Kleider werden uns auch an anderer Stelle erklärt: Und es ward ihr gegeben, sich anzutun mit schöner reiner Leinwand. Die köstliche Leinwand aber ist die Gerechtigkeit der Heiligen. (Offb. 19, 8). Diese Überwinder der großen Schar haben jedoch schon während der großen Trübsal auf Erden ihre weißen Kleider von Gott geschenkt bekommen. Sie stehen nun als Überwinder vor dem Throne Gottes und vor dem Lamme und tragen Palmen als Zeichen des Sieges in ihren Händen. Da sie jetzt vor dem Throne Gottes und vor dem Lamme im Himmel stehen, sind es meines Erachtens alles Märtyrer, denn sonst wären sie noch auf der Erde und würden nun in das Tausendjährige Friedensreich Jesu Christi eingehen. Dazu nachstehend eine Erklärung, warum ich das so sehe:

Als Jesus hinwegging von dem Tempel und dann auf dem Ölberge saß und zu ihm seine Jünger besonders traten und nach dem Zeitpunkt der Zerstörung des Tempels und ebenfalls nach dem Zeichen seines Kommens und des Endes der Welt fragten, erzählt er ihnen im Gleichnis vom Weltgericht am Schluß der Wiederkunftsgleichnisse u. a. nun folgendes: Wenn aber des Menschen Sohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit, und werden vor ihm alle Völker versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, gleichwie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, und wir die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken. Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbet das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeist. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich getränkt. Ich bin ein Fremdling gewesen, und ihr habt mich beherbergt. Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich bekleidet. Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht. Ich bin gefangen gewesen, und ihr seid zu mir gekommen. (Matth. 25, 31-36).

In diesem Gleichnis erklärt Jesus ihnen, daß der König dann sagen wird: Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. Es geht hier also insbesondere darum, was die Völker seinen geringsten Brüdern nach dem Fleisch, den Juden, Gutes getan haben während der Verfolgung in der Zeit der großen Trübsal. Hierbei ist allerdings zu beachten, daß bei diesem Weltgericht sodann ausschließlich die Lebenden gerichtet werden. Die Toten werden wiederum in zwei Gruppen eingeteilt, so daß die Märtyrer um Jesu Christi willen nun hier als Überwinder vor dem Throne Gottes und vor dem Lamme stehen. Die zweite Gruppe wird den zweiten Tod erleiden, darüber später mehr in Kapitel 20 (Offb. 20, 14).

Es besteht doch sicherlich kein Zweifel daran, daß die Verfolgung durch den Antichristen auch diejenigen aus den Völkern betreffen wird, die den Juden in dieser Zeit irgendeine Hilfe zuteil werden ließen. Erfreulicherweise scheint es sodann eine große Schar, welche niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen zu sein. Scofield erklärt nun hierzu: Die Trübsal wird trotz allem eine Zeit der Errettung sein. Eine Auswahl aus Israel wird errettet werden (Offb. 7, 1-4) und eine unzählige Menge aus den Heiden (V. 9). Von ihnen wird gesagt, daß sie "aus großer Trübsal" kommen (V. 14). Sie gehören nicht zu dem Priestertum, der Gemeinde, sondern sie scheinen zu diesem in einem ähnlichen Verhältnis zu stehen, wie die Leviten zu den Priestern unter dem Bund mit Mose. Dr. P. de Benoit meinte dazu: Trotzdem werden sie wohl nicht die höchste Kategorie der Heiligen sein. Wohl werden sie Palmen tragen und Gott dienen dürfen; aber es heißt nicht, daß sie Kronen haben und mit Christo regieren werden.

Diese Überwinder riefen dann mit großer Stimme und sprachen:Das Heil ist bei dem, der auf dem Thron sitzt, unserm Gott und dem Lamm!Durch Gottes Gnade und die Erlösung durch das Blut des Lammes haben sie das Heil erlangt. Vor nur wenigen Jahrzehnten erwarteten viele Millionen teils ahnungslose Deutsche das Heil eher von jemand anderem. Sie grüßten sich damals gegenseitig mündlich und schriftlich mit dem oft begeisterten Ausruf: Heil Hitler! Es dauerte dann allerdings nicht lange, bis sie die schmerzliche Erfahrung machen mußten, daß dieser folgenschwere Irrtum unsägliches Unheil über die ganze Welt gebracht hatte.

Das wahre Heil jedoch bestätigt uns ebenfalls der Apostel Paulus in seinem Brief an die Gemeinde zu Ephesus: Und hat uns samt ihm auferweckt und samt ihm in das himmlische Wesen gesetzt in Christus Jesus, auf daß er erzeigte in den kommenden Zeiten den überschwenglichen Reichtum seiner Gnade durch seine Güte gegen uns in Christus Jesus. Denn aus Gnade seid ihr gerettet worden durch den Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus den Werken, auf daß sich nicht jemand rühme. (Eph. 2, 6-8).

Und alle Engel standen um den Thron und um die vierundzwanzig Ältesten und um die vier Cherubgestalten und fielen sodann vor dem Thron auf ihr Angesicht und beteten Gott an und sprachen: Amen, Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und Kraft und Stärke sei unserm Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.Wie ihn bereits in Kapitel 5 (Offb. 5, 12) das Lamm empfing, so ist auch hier der Lobpreis wieder siebenfach: Amen, (1) Lob und (2) Ehre und (3) Weisheit und (4) Dank und (5) Preis und(6) Kraft und (7) Stärke sei unserm Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Es sei noch bemerkt, daß alle Engel, ohne Ausnahme, um den Thron Gottes standen und daß sie zusammen mit den Ältesten und den Cherubgestalten daselbst Gott anbeteten. So heißt es deshalb im Konkordanten Neuen Testament wohl in der Tat deutlicher: Und alle Boten standen rings um den Thron samt den Ältesten und den vier Tieren. Sie fielen angesichts des Thrones auf ihre Angesichter und beteten Gott an. Diese Anbetung Gottes dort vor seinem Thron schließt dann ebenfalls die Anbetung des Lammes ein, auch wenn diese nicht wie in Kapitel 5 (Offb. 5, 8-10) besonders hervorgehoben wird. Wie überall in der ganzen Bibel, so auch hier, fielen sie alle nieder auf ihr Angesicht, nicht auf den Rücken. Nach den Bildern, die in christlichen Zeitschriften veröffentlicht worden sind, ist das allerdings eindeutig der Fall beim sogenannten "Toronto-Segen", wobei die segensbedürftigen Menschen dann massenhaft nach rückwärts umfallen. Deshalb kann man auf diese einfache Weise schon gleich erkennen, woher dieser zweifelhafte Segen kommt und welcher umwerfende Geist sich wohl dahinter verbirgt.

Wie wir bereits gesehen haben, sprach der eine von den Ältesten erläuternd zu Johannes: Diese sind's, die gekommen sind aus der großen Trübsal und haben ihre Kleider gewaschen und haben ihre Kleider hell gemacht im Blut des Lammes. Es sei zusätzlich noch erklärt: Kleider waschen entspricht der Sündenvergebung, der Heilsgewißheit; Kleider helle machen entspricht der Heiligung, der Festigung des Heils mit Jesu Hilfe im täglichen Leben. Deshalb die eindringliche Aufforderung im ersten Brief des Johannes: Habt nicht lieb die Welt noch was in der Welt ist. So jemand die Welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters. Denn alles, was in der Welt ist, des Fleisches Lust und der Augen Lust und hoffärtiges Leben, ist nicht vom Vater. sondern von der Welt. Und die Welt vergeht mit ihrer Lust; wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit. (1. Joh. 2, 15-17).

Weiter wird nun von diesen Überwindern gesagt: Darum sind sie vor dem Thron Gottes und dienen ihm Tag und Nacht in seinem Tempel; und der auf dem Thron sitzt, wird über ihnen wohnen. Ähnliches wird uns aber auch von der Darstellung Jesu im Tempel berichtet: Und es war eine Prophetin, Hanna, eine Tochter Phanuels, vom Geschlecht Asser; die war hochbetagt und hatte gelebt sieben Jahre mit ihrem Manne nach ihrer Jungfrauschaft und war nun eine Witwe bei vierundachtzig Jahren; die kam nimmer vom Tempel, diente Gott mit Fasten und Beten Tag und Nacht. Die trat auch hinzu zu derselben Stunde und pries Gott und redete von ihm zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten. (Luk. 2, 36-38).

Der Tempel auf Erden war nur ein Abbild des Tempels im Himmel, deshalb heißt es von den Priestern: Sie dienen aber nur dem Abbilde und Schatten des Himmlischen; wie Gottes Stimme zu Mose sprach, als er die Stiftshütte vollenden sollte (2. Mose 25, 40): "Schaue zu", sprach er, "daß du machest alles nach dem Bilde, das dir auf dem Berge gezeigt ist." (Hebr. 8, 5). Desgleichen wird so über das Opfer dann erklärt: Es mußten also die Abbilder der himmlischen Dinge so gereinigt werden; aber sie selbst, die himmlischen Dinge müssen bessere Opfer haben, als jene waren. Denn Christus ist nicht eingegangen in das Heilige, das mit Händen gemacht ist, welches ist ein Gegenbild des wahrhaftigen Heiligtums, sondern in den Himmel selbst, um jetzt zu erscheinen vor dem Angesicht Gottes für uns. (Hebr. 9, 23-24).

Bei Jesu Hingang zum Vater hatte er in seinen Abschiedsreden zu seinen Jüngern gesagt: In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn's nicht so wäre, würde ich dann zu euch gesagt haben: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten, so will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin. (Joh. 14, 2-3). Deshalb heißt es hier sodann: ... und der auf dem Thron sitzt, wird über ihnen wohnen. Das wird dann im neuen Jerusalem der Fall sein, das in Kapitel 21 und am Anfang von Kapitel 22 beschrieben ist (Offb. 21, 1-27 und Offb. 22, 1-5).

Diesen Überwindern gilt die Zusicherung: Sie wird nicht mehr hungern noch dürsten; es wird auch nicht auf sie fallen die Sonne oder irgendeine Hitze; denn das Lamm mitten auf dem Thron wird sie weiden und leiten zu den lebendigen Wasserbrunnen, und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen. Hierbei werden wir an die Verfolgungen während der großen Trübsal erinnert. Darüber hat nun Jesus im Gleichnis von seinen geringsten Brüdern gesprochen: Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeist. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich getränkt. (Matth. 25, 35). Jetzt dürfen auch sie die Erquickung erfahren, die ihnen auf Erden versagt geblieben ist. Wir werden hier zugleich an die Worte Jesu vom guten Hirten erinnert: Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte läßt sein Leben für die Schafe. (Joh. 10, 11). Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. (Psalm 23, 1-2).

Ähnlich heißt es dann auch vom neuen Jerusalem in Kapitel 21: Und er wird bei ihnen wohnen , und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott, wird mit ihnen sein. (Offb. 21, 3). Weiterhin steht dort diese Verheißung: Ich will dem Durstigen geben von dem Brunnen des lebendigen Wassers umsonst. (Offb. 21, 6). Ebenfalls wird an der Stelle überdies noch mit denselben Worten bezeugt: ... und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen. (Offb. 21, 4). Das aber hatte der Prophet Jesaja zu seiner Zeit längst auch schon vorausgesagt: Und Gott der Herr wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen. (Jes. 25, 8). Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen und streuen ihren Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben. (Psalm 126, 5-6). Da wird das Lamm die Seinen selig weiden, wo das kristall'ne Meer das Lebenswasser beut.

In Anbetracht dieser Gedanken kommt man zur Schlußfolgerung, daß die Versiegelung der hundertvierundvierzigtausend von allen Geschlechtern Israels auf der Erde wohl am Anfang der siebenjährigen Trübsalszeit erfolgen wird. Des weiteren kann man feststellen, daß die Überwinder im Himmel aus der großen Trübsal kommen, jedenfalls nach dem biblischen Text. Das richtige Verständnis vorausgesetzt, kann dieses zweite Zwischengesicht uns also nur ein Bild vom Ende dieses Zeitabschnittes geben. Die große Trübsal ist allerdings einmalig, deshalb sind andere Auslegungen auch so schwierig nachzuvollziehen. Auf jeden Fall sind alle Geschehnisse im Himmel immer sehr schwer zeitlich einzuordnen.

Da wir jetzt viel über die große Trübsal gesprochen haben, scheint es nun sicherlich angebracht zu sein, diesen Begriff ebenfalls genauer zu erklären. Wie bereits mehrfach gesagt, handelt es sich hierbei um einen Zeitabschnitt von insgesamt sieben Jahren. Diese Zeitangabe ist allgemein unbestritten, deshalb besteht wohl absolut kein Zweifel an ihrer Zuverlässigkeit.

Der Ursprung aller Berechnungen geht auf 1. Mose 1, 14-18 zurück; denn es heißt dort in der Lutherbibel: Und Gott sprach: Es werden Lichter an der Feste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht und geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre und seien Lichter an der Feste des Himmels, daß sie scheinen auf die Erde. Und es geschah so. Und Gott machte zwei große Lichter: ein großes Licht, das den Tag regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere, dazu auch die Sterne. Und Gott setzte sie an die Feste des Himmels, daß sie schienen auf die Erde und den Tag und die Nacht regierten und schieden Licht und Finsternis. Und Gott sah, daß es gut war.

Es entsteht demnach der Eindruck, daß die beiden großen Himmelslichter eine vierfache Aufgabe haben: ... und geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre. Genauer heißt es aber, sie seien Zeichen für Festzeiten und Tage und Jahre, siehe die Jerusalemer Bibel, Buber, Menge, Elberfelder zu 1. Mose 1, 14. Hans Bruns übersetzte dann ebenfalls so ähnlich: Sie sollen als (Besinnungs-) Zeichen dienen und zur Bestimmung von Festzeiten, auch zur Zählung von Tagen und Jahren. Die Festzeiten oder Gezeiten sind Perioden von Wochen und Jahrwochen, also eine Woche von Jahren oder sieben Jahre. Daraus lassen sich wiederum die Sabbatjahre und Hall- oder Jubeljahre berechnen, auch Erlaßjahre genannt. Diese wiederum bilden eine Woche von Jahrwochen, die somit einen Zeitraum von 7 mal 7 Jahren = 49 Jahren umfaßt. Daneben kennt die Bibel noch eine Woche von Jahrzehnten, demzufolge von insgesamt siebzig Jahren. Der Prophet Daniel erwähnte dann 70 Jahrwochen oder die Woche von sieben Jahrzehnten = 7 mal 70 Jahren = 490 Jahren. Bekannt ist auch die größte Einheit, die Woche von Jahrtausenden, also 7 mal 1000 Jahren.

Das Gesetz über Sabbatjahr und Erlaßjahr steht dann im 3. Buch Mose (Leviticus = Buch der priesterlichen Ordnungen): Und der Herr sprach zu Mose auf dem Berge Sinai: Rede mit den Kindern Israel und sprich zu ihnen: Wenn ihr in das Land kommt, das ich euch geben werde, so soll das Land dem Herrn einen Sabbat feiern. Sechs Jahre sollst du dein Feld besäen und sechs Jahre deinen Weinberg beschneiden und die Früchte einsammeln, aber im siebenten Jahr soll das Land dem Herrn einen feierlichen Sabbat halten; da sollst du dein Feld nicht besäen noch deinen Weinberg beschneiden. (3. Mose 25, 1-4).

Und du sollst zählen sieben Sabbatjahre, siebenmal sieben Jahre, daß die Zeit der sieben Sabbatjahre neunundvierzig Jahre mache. Da sollst du die Posaune blasen lassen durch euer ganzes Land am zehnten Tage des siebenten Monats, am Versöhnungstag. Und ihr sollt das fünfzigste Jahr heiligen und sollt eine Freilassung ausrufen im Lande für alle, die darin wohnen, es soll ein Erlaßjahr für euch sein. Da soll ein jeder bei euch wieder zu seiner Habe und zu seiner Sippe kommen. Als Erlaßjahr soll das fünfzigste Jahr euch gelten. (3. Mose 25, 8-11). Die Septuaginta (= LXX) hat für Erlaßjahr die Bezeichnung: etoV thV ajeseoV = etos tés apheseos, Jahr der Erlassungen. Die Vulgata übersetzt: annus jubeleus, Jahr des Jubels, von dem das in der deutschen Sprache verwendete "Jubeljahr" abgeleitet worden ist.

Dem Propheten Daniel wurde von Gott besonders deutlich der Weg gezeigt, der seinem Volk im Laufe der Weltgeschichte bevorstand. Nachdem Darius aus Medien das Reich der Babylonier oder Chaldäer erobert hatte, wurde Daniel auf eine Stelle im Alten Testament aufmerksam: ... in diesem ersten Jahr seiner Herrschaft achtete ich, Daniel, in den Büchern auf die Zahl der Jahre, von denen der Herr geredet hatte zum Propheten Jeremia, daß nämlich Jerusalem siebzig Jahre wüst liegen sollte. (Dan. 9, 2).

Bei dem Propheten Jeremia heißt es alsdann: ... so daß dies ganze Land wüst und zerstört liegen soll. Und diese Völker sollen dem König von Babel dienen siebzig Jahre. Wenn aber die siebzig Jahre um sind, will ich heimsuchen den König von Babel und jenes Volk, spricht der Herr, um ihrer Missetat willen, dazu das Land der Chaldäer und will es zur ewigen Wüste machen. (Jer. 25, 11-12). Weiter lesen wir in dem Brief, den Jeremia von Jerusalem an die Weggeführten in Babel sandte: Denn so spricht der Herr: Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, daß ich euch wieder an diesen Ort bringe. (Jer. 29, 10).

Daniel verspürte sodann, daß die Schuld des Volkes die Verheißung aufzuhalten schien, deshalb demütigte er sich in einzigartiger Weise vor dem großen und heiligen Gott. Indem er unter Fasten und in Sack und Asche betete und flehte, bekannte er stellvertretend für das ganze Volk auch dieses: Wir gehorchten nicht deinen Knechten, den Propheten, die in deinem Namen zu unsern Königen, Fürsten, Vätern und zu allem Volk des Landes redeten. (Dan. 9, 6).

Als Daniel noch so redete und betete und die Sünde des Volkes Israel bekannte, da kam der Engel Gabriel plötzlich zu ihm, unterwies ihn und redete mit ihm und sprach: Daniel, jetzt bin ich ausgegangen, um dir zum rechten Verständnis zu verhelfen. Denn als du anfingst zu beten, erging ein Wort, und ich komme, um dir's kundzutun; denn du bist von Gott geliebt. So merke nun auf das Wort, damit du das Gesicht verstehst. Siebzig Wochen sind verhängt über dein Volk und über deine heilige Stadt; dann wird dem Frevel ein Ende gemacht und die Sünde abgetan und die Schuld gesühnt, und es wird ewige Gerechtigkeit gebracht und Gesicht und Weissagung erfüllt und das Allerheiligste gesalbt werden.
So wisse nun und gib acht: Von der Zeit an, als das Wort erging, Jerusalem werde wieder aufgebaut werden, bis ein Gesalbter, ein Fürst, kommt, sind es sieben Wochen; und zweiundsechzig Wochen lang wird es wieder aufgebaut sein mit Plätzen und Gräben, wiewohl in kummervoller Zeit. Und nach den zweiundsechzig Wochen wird ein Gesalbter ausgerottet werden und nicht mehr sein.
Und das Volk eines Fürsten wird kommen und die Stadt und das Heiligtum zerstören, aber dann kommt das Ende durch eine Flut, und bis zum Ende wird es Krieg geben und Verwüstung, die längst beschlossen ist. Er wird aber vielen den Bund schwer machen eine Woche lang. Und in der Mitte der Woche wird er Schlachtopfer und Speisopfer abschaffen. Und im Heiligtum wird stehen ein Greuelbild, das Verwüstung anrichtet, bis das Verderben, das beschlossen ist, sich über die Verwüstung ergießen wird. (Dan. 9, 22-27).

Von Jesus selbst wissen wir, daß diese letzte Woche noch zukünftig ist, denn als er auf dem Ölberge saß, traten zu ihm seine Jünger und er sprach zu ihnen: Wenn ihr nun sehen werdet den Greuel der Verwüstung stehen an der heiligen Stätte, von dem gesagt ist durch den Propheten Daniel (Dan. 9, 27; 11, 31) - wer das liest, der merke auf! -, alsdann fliehe auf die Berge, wer im jüdischen Lande ist; und wer auf dem Dach ist, der steige nicht hernieder, etwas aus seinem Hause zu holen; und wer auf dem Felde ist, der kehre nicht um, seinen Mantel zu holen. Weh aber den Schwangeren und Säugenden zu jener Zeit! Bittet aber, daß eure Flucht nicht geschehe im Winter oder am Sabbat. Denn es wird alsdann eine große Trübsal sein, wie sie nicht gewesen ist von Anfang der Welt bisher und auch nicht wieder werden wird.Und wenn diese Tage nicht würden verkürzt, so würde kein Mensch selig; aber um der Auserwählten willen werden die Tage verkürzt. (Matth. 24, 15-22).

Jesus erkärte seinen Jüngern außerdem: Ihr werdet hören von Kriegen und Kriegsgeschrei; sehet zu und erschrecket nicht. Denn das muß so geschehen; aber es ist noch nicht das Ende. Denn es wird sich empören ein Volk wider das andere und ein Königreich wider das andere, und werden sein teure Zeit und Erdbeben hin und her. Das alles aber ist der Anfang der Wehen. (Matth. 24, 6-8). Diese Ereignisse sind besonders anschaulich in diesem Jahrhundert in Erscheinung getreten, mehr als je zuvor. Daran kann man deutlich erkennen, in welcher Zeit wir jetzt leben.

Nun müssen wir untersuchen, was diese bei Daniel genannten siebzig Wochen tatsächlich bedeuten. Der erwähnte Vers beginnt in der konkordanten Übersetzung allerdings etwas anders mit: Siebzig Siebener sind für dein Volk und deine heilige Stadt abgetrennt ... (Dan. 9, 24). Das hebräische Wort des Urtextes lautet hier "Schabuim" und bedeutet also wörtlich "Siebener". Bruns und Menge übersetzen es genauer mit "Jahrwochen". Mit den siebzig Wochen sind demgemäß hier Jahrwochen gemeint, eine jede dieser umfaßt sieben Jahre. Daniel hat auf diese Weise erfahren, daß nicht siebzig Jahre, sondern vielmehr siebzig mal sieben Jahre von Gott über sein Volk Israel und über Jerusalem verhängt sind. Erst dann wird dem Frevel ein Ende gemacht und die Sünde abgetan und die Schuld gesühnt werden.

In dem erwähnten Abschnitt erfolgt zusätzlich noch eine Unterteilung dieser Zeitspanne. Zuerst wird eine Zeit von sieben Jahrwochen genannt, also neunundvierzig Jahre, anschließend zweiundsechzig Jahrwochen, das sind weitere vierhundertvierunddreißig Jahre. Zum Schluß dann nochmals eine Jahrwoche von sieben Jahren. Zusammen sind es demnach vierhundertneunzig Jahre oder siebzig Jahrwochen zu jedesmal sieben Jahren. Wann diese Zeitspanne angefangen hat, werden wir gleich eingehender betrachten, nach der Tabelle mit den Sabbatjahren der letzten Zeit.

Nach dem jüdischen Buch der Jubiläen sind ebenfalls auch siebzig Halljahrsperioden von jeweils neunundvierzig Jahren über Israel bestimmt, so ergibt das insgesamt 3430 Jahre bis alsdann dem Frevel ein Ende gemacht und die Sünde abgetan und die Schuld gesühnt werden wird. Hierbei handelt es sich um eine zusätzliche Steigerung, nämlich sieben mal sieben mal siebzig Jahre, also die siebzig Jahrwochen in einer weiteren Potenz. Auch das bedarf noch einer genaueren Erklärung.

Dr. C. I. Scofield bemerkte nun zu der Prophetie Daniels von den siebzig Wochen: Der Beweis dafür, daß die letzte Woche noch nicht erfüllt ist, liegt in der Tatsache, daß Christus die Hauptereignisse dieser letzten Zeit in ganz bestimmter Weise mit seinem zweiten Kommen verbindet (Matth. 24, 6 + 15). Also muß in der Zwischenzeit zwischen der neunundsechzigsten und siebzigsten Woche die ganze Zeit der Gemeinde liegen, wie sie im Neuen Testament offenbart wird, aber diese Zeit ist im Alten Testament noch nicht offenbart worden. Die Auslegung, die die letzte der siebzig Wochen an das Ende des Zeitalters legt, wird auch von den Kirchenvätern vertreten. Wenn die siebzigste Woche in den ersten zwei und einhalb Jahrhunderten der christlichen Gemeinde erwähnt wurde, so wurde sie fast immer an das Ende des Zeitalters gelegt. Irenäus legt das Erscheinen des Antichristen an das Ende des Zeitalters in die letzte Woche: er sagt tatsächlich, daß die Zeit der Tyrannei des Antichristen gerade eine halbe Woche dauern wird, also drei Jahre und sechs Monate. Ebenso erklärte Hippolytus, daß Daniel: die sieben Jahre kennzeichnet, die in der letzten Zeit kommen werden. (Anmerkung: Hippolytus oder Hippolyt, ein Kirchenschriftsteller, war der erste Gegenpapst von 217-235 n. Chr., der dann in diesem Jahre auf Sardinien verstorben ist und nun doch trotz allem in der römisch-katholischen Kirche als Heiliger gilt. Er verfaßte u. a. eine Weltchronik.).

Gott hatte also seinerzeit durch Mose dem Volke Israel geboten: Wenn ihr in das Land kommt, das ich euch geben werde, so soll das Land dem Herrn einen Sabbat feiern. (3. Mose 25, 2). Im Buch Josua wird uns über den Einzug in das verheißene Land gesagt: Es war aber der zehnte Tag des ersten Monats, als das Volk aus dem Jordan heraufstieg. Und sie lagerten sich in Gilgal, östlich der Stadt Jericho. (Josua 4, 19). Nach dem heutigen jüdischen Kalender war es der 10. Nisan 2317 (demzufolge im Frühjahr des Jahres 1444 v. Chr.). Nachdem Jericho erobert und zerstört war, begann man dann am Jom Kippur, dem Versöhnungstag, dem zehnten Tage des siebenten Monats, demnach am 10. Tischri 2318, die Halljahre zu zählen. Das jüdische Kalenderjahr hatte allerdings am 1. Tischri begonnen. Die Zählung begann also am 8. Oktober 1444 v. Chr. oder, bereits um die fehlenden 246 Jahre korrigiert, möglicherweise im Jahre 2563 nach dem Sündenfall Adams, dem ersten Jahr der Zeitrechnung überhaupt. Josua starb etwa zwei Jahre später (Jos. 24, 29), um das Jahr 1442 v. Chr., wie auch auf Seite 359 im Biblischen Namen-Lexikon von Dr. Abraham Meister zu ersehen ist. Andere Unterschiede erklären sich durch die fehlenden Jahre im jüdischen Kalender. Dies wurde jedoch bereits ausführlich in Kapitel 6 behandelt. Als geschichtlich bewiesen gelten demzufolge die nachstehenden Hall- oder Jubeljahre, wodurch alle Unterschiede ausgeglichen werden.

Die erste Feier des Hall- und Jubeljahres fand am 7. Oktober 1395 v. Chr. statt, das 15. Halljahr fiel auf den 18. September 709 v. Chr., während das 19. Hall- oder Erlaßjahr am 12. September 513 v. Chr. gefeiert wurde. Das für unsere Berechnung dann wichtige 30. Hall- oder Jubeljahr begann am 29. September 27 n. Chr., und damit am Anfang des öffentlichen Wirkens unseres Herrn. Lukas, der Arzt, hat immer viel wert auf eine genaue Zeitangabe gelegt, deshalb bezeugte er: In dem fünfzehnten Jahr der Herrschaft des Kaisers Tiberius, da Pontius Pilatus Landpfleger in Judäa war und Herodes Vierfürst in Galiläa und sein Bruder Philippus Vierfürst in Ituräa und in der Landschaft Trachonitis und Lysanias Vierfürst zu Abilene, da Hannas und Kaiphas Hohepriester waren, da geschah der Befehl Gottes an Johannes, des Zacharias Sohn, in der Wüste. (Luk. 3, 1-2). Der Kaiser Tiberius (Tiberius Claudius Nero, nach seiner Adoption: Tiberius Iulius Caesar) (16.11.42 v. Chr. -16.3.37 n. Chr.) war römischer Kaiser von 14-37 n. Chr., also seit dem Tode seines Stiefvaters Augustus (urspr. Gaius Octavius) (23.9.63 v. Chr. - 19.8.14 n. Chr.). Nun ist das fünfzehnte Jahr der Herrschaft des Kaisers Tiberius jedoch von seiner Erhebung in die Mitregentschaft, kurz vor dem 16. Januar 12 n. Chr., zu rechnen. Demnach begann im Jahre 27 n. Chr. das öffentliche Wirken unseres Herrn Jesus. (vgl. dazu auch: v. Zahn, Lukaskommentar, Leipzig 1920, Seite 183-188; 205 f.).

Lukas berichtet dann über das Wirken Jesu in Galiläa und die Predigt in Nazareth mit diesen Worten: Und er kam nach Nazareth, wo er erzogen war, und ging in die Synagoge nach seiner Gewohnheit am Sabbattage und stand auf und wollte lesen. Da ward ihm das Buch des Propheten Jesaja gereicht. Und da er das Buch auftat, fand er die Stelle, da geschrieben steht (Jes. 61, 1.2):

"Der Geist des Herrn ist bei mir, darum weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, daß sie los sein sollen, und den Blinden, daß sie sehend werden, und den Zerschlagenen, daß sie frei und ledig sein sollen, zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn." Und als er das Buch zutat, gab er's dem Diener und setzte sich. Und aller Augen in der Synagoge sahen auf ihn. Und er fing an, zu sagen zu ihnen: Heute ist dies Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren. (Luk. 4, 16-21).

Nach der Eroberung von Jericho begann man also mit der Zählung der Sabbatjahre und Erlaßjahre, wie Gott durch Mose geboten hatte. Auch das Land und die Erde sollten in den Gnadenbund Gottes mit einbezogen werden. Weil Israel das dann später vergessen hatte, wurden die nicht eingehaltenen Sabbatjahre während der Babylonischen Gefangenschaft, in der das Land weithin brachlag, als Gericht Gottes nachgeholt. Im zweiten Buch der Chronik lesen wir das: Und er führte weg nach Babel alle, die das Schwert übriggelassen hatte, und sie wurden seine und seiner Söhne Knechte, bis das Königtum der Perser zur Herrschaft kam, damit erfüllt würde das Wort des Herrn durch den Mund Jeremias. Das Land hatte die ganze Zeit über, da es wüste lag, Sabbat, bis es an seinen Sabbaten genug hatte, auf daß siebzig Jahre voll wurden. (2. Chron. 36, 20-21). Nach der Zerstörung Jerusalems durch die Römer im Jahre 70 n. Chr. bis zum Anfang dieses Jahrhunderts war das Heilige Land ebenfalls verwüstet und lag weitgehend brach. Dann erst kamen die jüdischen Einwanderer und begannen nach und nach das Land wieder zu bebauen.

Infolgedessen können wir sicherlich davon ausgehen, daß inzwischen genauso alle Hall- oder Erlaßjahre nachgeholt worden sind. Nach dem öffentlichen Wirken Jesu fehlten demnach noch vierzig Hall- oder Jubeljahre, also vierzig mal neunundvierzig Jahre oder eintausendneunhundertsechzig Jahre. Wenn wir nun diese Zeitspanne dazu rechnen, dann ergibt das folgendes Ergebnis. Das 30. Hall- oder Jubeljahr hatte begonnen am 10. Tischri 3788 nach dem jüdischen Kalender, was dann dem 29. September 27 n. Chr. entspricht. Zusätzlich noch diese vierzig Hall- oder Jubeljahre ergibt dann den 10. Tischri 5748, dies entspricht alsdann dem Samstag, dem 3. Oktober 1987 oder gleichermaßen dem Jahre 5993 nach dem Sündenfall Adams.

Um es noch einmal zu wiederholen: Von der Eroberung Jerichos bis zum öffentlichen Wirken Jesu waren es also 30 Halljahrsperioden und dann 40 Halljahrsperioden bis in unsere Zeit. Nach dem jüdischen Kalender war es das Jahr 2318 plus 30 x 49 Jahre oder 1470 Jahre ist gleich 3788, also das Jahr in dem Jesus die Predigt in Nazareth hielt. Wenn wir dem noch 40 x 49 Jahre oder 1960 Jahre hinzufügen, dann gelangen wir zum Jahre 5748, somit zum Jahre 1987 nach dem bestehenden Gregorianischen Kalender, eingeführt im Jahre 1582 durch Gregor XIII. (1.1.1502-10.4.1585), Papst seit dem 13.5.1572. Es wurde damals festgelegt, daß der auf den Donnerstag, den 4. Oktober 1582, dann folgende Tag, der Freitag, der 15. Oktober desselben Jahres sei. Damit wurde einerseits die Zeitrechnung um 10 Tage nach vorne verschoben, andererseits aber der damals noch seit Jahrhunderten vorhandene Unterschied in der Bestimmung des Frühlingsanfangs im Kalender beseitigt.

Wir können demzufolge ganz sicher sein, daß wir jetzt in der 70. Halljahrsperiode leben, die die letzte ist vor der Wiederkunft Jesu, und ... dann wird dem Frevel ein Ende gemacht und die Sünde abgetan und die Schuld gesühnt für das Volk Israel. Zur besseren Übersicht füge ich nachstehend eine Tabelle ein mit den Sabbatjahren der letzten Zeit:


Jüdischer Tischri      Tischri       Tischri     Gregori-   Besonder-hei 
          1.           10.           15.         anischer   ten          
Kalender  Jom Teruah   Jom Kippur    Sukkoth     Kalender                

5744        8.   9.    17.   9. Sa.  22.   9.    1983                    
          Do.                                                            

5745      27.   9.       6. 10. Sa.  11. 10.     1984                    
          Do.                                                            

5746      16.   9.     25.   9. Mi.  30.   9.    1985                    
          Mo.                                                            

5747        4. 10.     13. 10. Mo.   18. 10.     1986       Sabbatjahr   
          Sa.                                                            

5748      24.   9.       3. 10. Sa.    8. 10.    1987       70.          
          Do.                                               Halljahr     

5749      12.   9.     21.   9. Mi.  26.   9.    1988                    
          Mo.                                                            

5750      30.   9.       9. 10. Mo.  14. 10.     1989                    
          Sa.                                                            

5751      29.   9.     20.   9. Sa.    4. 10.    1990                    
          Do.                                                            

5752        9.   9.    18.   9. Mi.  23.   9.    1991                    
          Mo.                                                            

5753      28.   9.       7. 10. Mi.  12. 10.     1992                    
          Mo.                                                            

5754      16.   9.     25.   9. Sa.  30.   9.    1993       Sabbatjahr   
          Do.                                                            

5755        6.   9.    15.   9. Do.  20.   9.    1994                    
          Di.                                                            

5756      25.   9.       4. 10. Mi.    9. 10.    1995                    
          Mo.                                                            

5757      14.   9.     23.   9. Mo.  28.   9.    1996                    
          Sa.                                                            

5758        2. 10.     11. 10. Sa.   16. 10.     1997                    
          Do.                                                            

5759      21.   9.     30.   9. Mi.    5. 10.    1998                    
          Mo.                                                            

5760      11.   9.     20.   9. Mo.  25.   9.    1999                    
          Sa.                                                            

5761      30.   9.       9. 10. Mo.  14. 10.     2000       Sabbatjahr   
          Sa.                                                            

5762      18.   9.     27.   9. Do.    2. 10.    2001                    
          Di.                                                            



Wir wollen jedoch jetzt zurückkehren zu der Betrachtung der Jahrwochen nach Daniel. Demnach sind zunächst einmal siebzig Jahrwochen oder 490 Jahre über Israel bestimmt, eingeteilt in sieben Jahrwochen plus zweiundsechzig Jahrwochen plus eine Jahrwoche. Sodann wird uns gesagt, daß diese ersten sieben Jahrwochen beginnen würden: Von der Zeit an, als das Wort erging, Jerusalem werde wieder aufgebaut werden. (Dan. 9, 25). Es besteht wohl kein Zweifel daran, daß es sich hierbei um einen Befehl des Königs Arthahsastha handelt, der dann nach der Lutherbibel ebenfalls Artaxerxes I. Longimanus genannt wurde. Artaxerxes I. Longimanus oder Langhand (= Makrocheir) regierte von 464-424 v. Chr. in Persien, so ist jedenfalls in den meisten Geschichtsbüchern zu lesen.

Wie Plutarch oder Plutarchos, ein Historiker des Altertums (geb. etwa 46 n. Chr., gest. um 120 n. Chr.), schrieb, ist der Beiname Longimanus oder Langhand wohl eindeutig darauf zurückzuführen, daß die rechte Hand des Königs länger war als seine linke. Der erste uns überlieferte Befehl dieses Herrschers erging im siebten Jahr seiner Regierung, demnach im Jahre 457 v. Chr., was auch mit dem Ergebnis der gründlichen Untersuchung von Prof. Dr. Carl August Auberlen (1824-1864) (Telos-Nr. 2152) übereinstimmt.

Im Buch Esra wird uns von seiner Rückkehr aus Babylon berichtet: Und mit ihm zogen herauf einige von den Kindern Israel und von den Priestern und Leviten, von den Sängern, Torhütern und Tempelsklaven nach Jerusalem im siebenten Jahr des Königs Arthahsastha. Und er kam nach Jerusalem im fünften Monat, im siebenten Jahr des Königs. Am ersten Tage des ersten Monats nämlich hatte er beschlossen, von Babel heraufzuziehen, und am ersten Tage des fünften Monats kam er nach Jerusalem, wie die gnädige Hand Gottes über ihm war. Denn Esra richtete sein Herz darauf, das Gesetz des Herrn zu erforschen und danach zu tun und Gebote und Rechte in Israel zu lehren. (Esra 7, 7-10).

Infolgedessen wurde nach sieben Jahrwochen bzw. nach neunundvierzig Jahren dann der zweite Tempel eingeweiht, hiernach müßte es im Jahre 408 v. Chr. gewesen sein. Wenn man sodann noch vierhundertvierunddreißig Jahre oder zweiundsechzig Jahrwochen ab diesem Zeitpunkt dazu rechnet, so gelangt man zum Jahre 27 n. Chr., da es kein Jahr Null gab. In diesem Jahre begann das öffentliche Wirken Jesu, bis zu seinem Tode am Freitag, dem 7. April 30 nach unserer Zeitrechnung (14. Nisan 3790 nach dem jüdischen Kalender). So sieht dann das Ergebnis aus bei der Berücksichtigung nur dieses einen Befehls, der jedoch nicht unbedingt der richtige für diese Berechnungen sein muß. Trotzdem wäre es zeitlich durchaus möglich und deshalb sicherlich annehmbar. Der Unterschied ist jedenfalls so gering, daß die Auswirkungen damals und in Zukunft ziemlich unbedeutend sind.

Ein zweiter Befehl erging dreizehn Jahre später, wie uns im Buch Nehemia berichtet wird: Im Monat Nisan des zwanzigsten Jahres des Königs Arthahsastha, als Wein vor ihm stand, nahm ich den Wein und gab ihn dem König, und ich stand traurig vor ihm. Da sprach der König zu mir: Warum siehst du so traurig drein? Du bist doch nicht krank? Das ist's nicht, sondern sicher bedrückt dich etwas. Ich aber fürchtete mich sehr und sprach zum König: Der König lebe ewig! Sollte ich nicht traurig dreinsehen? Die Stadt, in der meine Väter begraben sind, liegt wüst, und ihre Tore sind vom Feuer verzehrt. Da sprach der König zu mir: Was begehrst du denn? Da betete ich zu dem Gott des Himmels und sprach zum König: Gefällt es dem König und hat dein Knecht Gnade gefunden vor dir, so wollest du mich nach Juda reisen lassen, in die Stadt, wo meine Väter begraben sind, damit ich sie wieder aufbaue.

Und der König sprach zu mir, während die Königin neben ihm saß: Wie lange wird deine Reise dauern, und wann wirst du wiederkommen? Und als es dem König gefiel, mich reisen zu lassen, nannte ich ihm eine bestimmte Zeit und sprach zum König: Gefällt es dem König, so gebe man mir Briefe an die Statthalter jenseits des Euphrat, damit sie mir Geleit geben, bis ich nach Juda komme, und auch Briefe an Asaph, den obersten Aufseher über die Wälder des Königs, damit er mir Holz gebe zu Balken für die Pforten der Burg beim Tempel und für die Stadtmauer und für das Haus, in das ich einziehen soll. Und der König gab sie mir, weil die gnädige Hand meines Gottes über mir war. Und als ich zu den Statthaltern jenseits des Euphrat kam, gab ich ihnen die Briefe des Königs. Der König hatte aber Hauptleute und Reiter mit mir gesandt. Als das hörten Sanballat, der Horoniter, und Tobia, der ammonitische Knecht, verdroß es sie sehr, daß einer gekommen war, der für die Kinder Israel Gutes suchte. (Neh. 2, 1-10).

Dieser Befehl läßt sich allerdings nur dann zeitlich richtig einordnen, wenn dieser Artaxerxes gleichbedeutend mit dem König Ahasveros aus dem Buche Esther ist, wie es in der Großen Kondordanz zur Lutherbibel steht. Die Septuaginta (= LXX) bezeichnet Ahasveros ebenfalls als Artaxerxes. In der Lutherbibel erklärt wird er jedoch für Xerxes I. gehalten, demnach ist unsere Zeitrechnung nicht vollkommen.

Eine Erklärung könnte sein, daß der König Ahasveros wahrscheinlich der Vater des Cyrus und dessen Mutter die Esther war, die etwa 470 v. Chr. Königin von Persien wurde. Die Babylonische Gefangenschaft hätte dann von 499-429 v. Chr. gedauert, was allerdings im Gegensatz zu den gewöhnlichen Zeittafeln 110 Jahre später wäre. Die meisten Geschichtswerke beziehen sich jedoch auf den fehlerhaften jüdischen Kalender, in Ermangelung anderer Quellen, deshalb könnte das trotzdem die richtige Datierung sein. Dieser Irrtum ist dadurch zu erklären, daß hierbei 40 Jahre unter den Philistern (Richter 13, 1) und 70 Jahre Babylonische Gefangenschaft fehlen.

Der deutsche Gelehrte und konservative Lutheraner Ernst W. Hengstenberg (1802-1869) schrieb in seinem Werk "Christologie des Alten Testamentes" (1832, Band 2, Seite 541): "Die Abweichung betrifft allein das Jahr von Artaxerxes Regierungsantritt. Unsere Aufgabe ist vollkommen gelöst, wenn es uns gelingt nachzuweisen, daß dieser in das Jahr 474 v. Chr. fällt. Denn alsdann ist das zwanzigste Jahr des Artaxerxes das Jahr 455 v. Chr. nach der gew. Zeitrechnung.". Dann müßte man zwar immer noch einen kleinen Unterschied von etwa ein bis zwei Jahren irgendwie erklären, was jedoch hier sicherlich unbedeutend ist. Jedenfalls gelangen wir immer in die Zeit des öffentlichen Wirkens Jesu Christi auf Erden.

Bei einer richtigen Einordnung spricht infolgedessen gewiß vieles dafür, daß der Befehl zur Wiederherstellung Jerusalems im Monat Nisan erging, möglicherweise am 14. Nisan 3307 = 454 v. Chr., und die neunundsechzig Jahrwochen alsdann am 14. Nisan 3790 = 30 n. Chr. endeten. So wäre dann der Bericht des Nehemia maßgebend für die Berechnung der Jahrwochen. Da sich Daniel 9, 25 wahrscheinlich auf diesen Befehl des Königs Artaxerxes bezieht, ist das Datum des zwanzigsten Jahres seines Regierungsantritts oft Gegenstand eingehender Studien gewesen. In den meisten weltlichen Werken wird der Beginn seiner Herrschaft mit 465 oder 464 v. Chr. angegeben, doch es gibt wohl einige stichhaltige Gründe dafür, diesen Zeitpunkt etwa zehn Jahre früher anzusetzen.

Den Schlüssel dazu bildet vielleicht die Flucht des Athener Feldherrn Themistokles in die persische Hauptstadt, der in seinem eigenen Lande des Verrats beschuldigt worden war. Der griechische Historiker Thukydides aus Athen lebte während der Herrschaft des Artaxerxes, und er berichtete, daß Themistokles nach Persien floh, als Artaxerxes "erst kürzlich König geworden war". (siehe Thukydides, Geschichte des Peloponnesischen Krieges, Band I, Seite 137). Nepos, ein römischer Historiker und Zeitgenosse Ciceros, bestätigte später diese Aussage und schrieb ergänzend dazu: "Zwar finde ich in den meisten Quellen, daß die Flucht des Themistokles nach Asien noch unter die Regierung des Xerxes I. gefallen sei, doch scheint mir die Angabe des Thukydides am ehesten glaubwürdig, weil er von allen Darstellungen dieser Epoche ihm zeitlich am nächsten kommt und obendrein sein Landsmann ist. Er behauptet, Themistokles sei zu Artaxerxes gekommen". (siehe dazu Nepos, Themistokles, Kap. 9). (Anmerkung: Thukydides lebte um 460-396 v. Chr., hingegen war Cornelius Nepos geb. um 100 v. Chr. und starb etwa 25 v. Chr.).

Plutarch oder Plutarchos, ein Historiker des Altertums (geb. etwa 46 n. Chr., gest. um 120 n. Chr.), bestätigte das ebenso, indem er schrieb: Thukydides und Charon von Lampsakus erzählen, Themistokles habe die Audienz nach dem Tode des Xerxes bei seinem Sohn gehabt. Dagegen lassen Ephoros, Deinon, Kleitarch, Herakleides und andere ihn noch zu Xerxes selbst kommen. Am besten stimmt die Chronologie des Thukydides, obgleich auch sie mir keineswegs gesichert erscheint. (siehe Plutarch, Griechische Heldenleben, Themistokles, 27.)

Die historischen Zeugnisse sprechen somit vorwiegend dafür, daß Themistokles während der Herrschaft des Artaxerxes geflohen ist. Was das Datum der Flucht betrifft, so nennt der lateinische Kirchenlehrer Hieronymus (Sophronius Eusebius Hieronymus) (347-30.9.420 n. Chr.), in seinem Werk "Eusebius" für die Ankunft des Themistokles in Asien das 4. Jahr der 76. Olympiade (Vierjahreszyklen, die 776 v. Chr. begannen), womit das Jahr 473/472 v.Chr. gemeint ist. Da dies kurz nach dem Regierungsantritt des Artaxerxes gewesen sein muß, könnte das erste Jahr seiner Herrschaft durchaus das Jahr 474 v. Chr. gewesen sein. Der irische Erzbischof James Ussher (1581-1656) vertrat als Historiker schließlich ebenfalls die Auffassung, daß Artaxerxes I. Longimanus im Jahre 474 v. Chr. den persischen Thron bestiegen habe, ebenso der gefeierte Schriftsteller Vitringa (1659-1722).

Für unsere Untersuchung ist vielleicht ebenso noch diese Aussage von Bedeutung: Hinsichtlich der Chronologie von Esras und Nehemias Wirken gehen die Ansichten weit auseinander. Manche Gelehrte sind der Meinung, die biblische Reihenfolge müsse umgekehrt werden und Esra gehöre nicht in die Regierungszeit Artaxerxes' I., also vor Nehemia, sondern in die Zeit Artaxerxes' II. - etwa fünfzig Jahre nach Nehemia. Andere schlagen einen Kompromiß vor, indem sie Esras Auftreten in das siebenundreißigste Regierungsjahr Artaxerxes' I. (428), auf jeden Fall aber in die Zeit nach Nehemia verlegen. (Haim Hillel Ben-Sasson, Geschichte des jüdischen Volkes, Verlag C. H. Beck, München 1994, Seite 217).

Keine Auslegung reicht allerdings bis zur Zerstörung des Tempels im Jahre 70 n. Chr., deshalb besteht wohl kein Zweifel an der Richtigkeit der hier angegebenen Jahreszahlen. Nur mit äußerst komplizierten und daher sicherlich unglaubwürdigen Berechnungen wäre so etwas möglich, beispielsweise indem man die Kalendertage (483 Jahre x 365 Tage) durch die Mondjahre teilt (360 Tage oder weniger) oder ähnliches versucht.

In der Lutherbibel erklärt wird außerdem diese Erklärung gegeben, die doch sicherlich etwas merkwürdig klingt: Zwar deuten viele Auslegungen diese neue Frist von 490 Jahren auf Geschehnisse in der Makkabäerzeit (um 165 v. Chr.); dafür spricht manches. Aber die 490 Jahre sind so nicht unterzubringen. Und vor allem können wir als Christen nicht umhin, viele der nun folgenden Worte auf Christus zu deuten, so wie es die christliche Kirche schon seit Jahrhunderten tat.

Die Übersetzung von Hermann Menge dieser Verse aus dem Buche Daniel lautet dann so: Und nach den zweiundsechzig Jahrwochen wird der Gesalbte ums Leben gebracht werden ohne Richterspruch (oder: ohne daß eine Schuld an ihm wäre); und die Stadt samt dem Heiligtum wird das Kriegsvolk eines Fürsten zerstören, der heranzieht, dessen Ende aber durch eine Sturmflut eintritt; und bis zum Ende wird Krieg stattfinden, festbeschlossene Verwüstungen. Und er wird einen festen Bund mit der Volksmenge eine Jahrwoche lang schließen und während der Hälfte der Jahrwoche Schlacht- und Speisopfer abschaffen; und an ihrer Stelle wird der Greuel der Verwüstung aufgestellt sein, und zwar so lange, bis die festbeschlossene Vernichtung sich über die Verwüstung (oder: den Verwüster) ergießt.

In Daniel 9, 26 wird die Kreuzigung Jesu Christi und die Zerstörung Jerusalems mit dem Tempel durch das Heer des römischen Kaisers vorausgesagt. Israel, das Volk und Land, nahm ein Ende mit Schrecken: es wurde hinweggeschwemmt, wie durch eine oder besser von einer daherrollenden, brausenden Flut. Die Lutherbibel erklärt gibt noch diesen Hinweis: Dann kommt das Ende "mit Verheerung" (Luther: Flut; die endgeschichtlichen Wehen) und Verwüstung, die längst beschlossen ist (Dan. 9, 26; 2. Thess. 2, 4; Matth. 24, 15).

Da jedoch Tod und Auferstehung Jesu aller Wahrscheinlichkeit nach im Jahre 30 n. Chr. erfolgten, die Zerstörung der Stadt und des Heiligtums sodann im Jahre 70 n. Chr., also vierzig Jahre später geschahen, kann die siebzigste Jahrwoche unmöglich sofort nach der Kreuzigung gefolgt sein. Auch in den darauffolgenden Jahrzehnten und Jahrhunderten ist die siebzigste Jahrwoche bis jetzt keineswegs auszumachen. Die gewaltigen und deshalb gewiß unübersehbaren Ereignisse dieser sieben Jahre haben sicherlich noch nicht ihre Erfüllung gefunden. Es sind zudem auch noch die letzten sieben Jahre vor dem sichtbaren Wiederkommen Jesu Christi, das erst nach der Hinwegnahme der Gläubigen zu erwarten ist. Genaueres darüber jedoch später.

Daniel 9, 27 wurde von Hans Bruns so übersetzt: Er wird mit vielen im Volk einen festen Bund machen, eine Woche lang ... , aber den festen Bund mit den vielen im Volke Israel gibt es bis jetzt nicht, denn es müßte ein Friedensvertrag sein. Bis auf diesen Tag werden die Juden von den umliegenden arabischen Staaten angefeindet, sind verhaßt von diesen Völkern, sogar von den Palästinensern im eigenen Lande. Deshalb ist insbesondere dieser bedeutsame Vertragsabschluß des Staates und damit des Volkes Israel geschichtlich bis heute ganz gewiß nicht festzustellen. Selbst die vor einigen Jahren abgeschlossenen Friedensvereinbarungen mit Ägypten, Jordanien und den Palästinensern entsprechen nicht diesem Vertrag, sind allerdings wohl zweifellos schon als Vorläufer dieses gewiß falschen Friedens zu betrachten.

Somit folgte nach der neunundsechzigsten Jahrwoche zunächst eine lange Zeitspanne, die als das Zeitalter der Gemeinde Jesu Christi oder die Zeit der Gnade bezeichnen wird. Bis zum Ende dieser Epoche wird es Krieg geben und Verwüstung, die längst beschlossen ist. Diese unbestimmte Zwischenzeit dauert demnach schon bald zweitausend Jahre, ist aber durchaus nicht ungewöhnlich. Solche Unterbrechungen sind öfters in der Bibel zu finden, besonders im Zusammenhang mit dem kommenden Gesalbten Gottes, dem Messias oder Christus. Hierzu nur zwei Beispiele aus dem Buch des Propheten Jesaja: Denn uns ist ein Kind geboren, ... auf daß seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich. (Jes. 9, 5-6). Es fällt den wenigsten Bibellesern sofort auf, daß zwischen diesen beiden Versen eine große Lücke von beinahe zweitausend Jahren ist. Unser Herr Jesus Christus hat bis jetzt augenscheinlich noch nicht den Thron Davids in seinem Königreich eingenommen, sonst würde es kaum am Frieden mangeln.

Über den Messias und sein Friedensreich heißt es dann ebenfalls: Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais ... Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben. (Jes. 11, 1 + 6). Auch das war bis heute noch nicht der Fall, obwohl einige phantasievolle Endzeitspezialisten meinen, wir lebten schon in diesem goldenen Zeitalter. Anstatt den großen Abfall, sehen sie das unaufhörliche Ausbreiten des Evangeliums, bis es die ganze Welt ausfüllt. In seinen Endzeitreden hat Jesus allerdings etwas ganz anderes angekündigt, nämlich vorweg Kriege und Kriegsgeschrei, dann jedoch gesagt: ... an dem Tage aber, als Lot aus Sodom ging, da regnete es Feuer und Schwefel vom Himmel und brachte sie alle um. Auf diese Weise wird's auch gehen an dem Tage, wenn des Menschen Sohn wird offenbar werden. (Luk. 17, 29-30).

Kurz vor dem Anbruch dieser siebzigsten Jahrwoche erfolgt die Hinwegnahme der Gläubigen. Nach der Entrückung der Gemeinde kann alsdann der Antichrist seine Macht voll entfalten und einen Friedensvertrag mit Israel schließen oder grundsätzlich bestätigen, den er dann allerdings nach dreieinhalb Jahren brechen wird. Das hat Daniel sodann mit diesen Worten bereits deutlich vorhergesagt: Er wird aber vielen den Bund schwer machen eine Woche lang. Und in der Mitte der Woche wird er Schlachtopfer und Speisopfer abschaffen. Und im Heiligtum wird stehen ein Greuelbild, das Verwüstung anrichtet, bis das Verderben, das beschlossen ist, sich über die Verwüstung ergießen wird. (Dan. 9, 27).

Um es noch einmal ganz klar zu sagen: Die 70. Jahrwoche nach Daniel 9, 27 beginnt mit der Entrückung oder Hinwegnahme der Gläubigen von dieser Erde. Damit endet alsdann das Zeitalter der Gemeinde, so daß die überaus gewaltigen Ereignisse dieser siebzigsten und letzten Jahrwoche für das Volk Israel unaufhaltsam ihren Lauf nehmen können. Dann ist die Zeit der Heiden endgültig zu Ende, die mit der Eroberung Jerusalems durch König Nebukadnezar von Babylon begann. Auf dieses kommende Ende hat Jesus hingewiesen: ... und Jerusalem wird zertreten werden von den Heiden, bis daß der Heiden Zeit erfüllt ist. (Luk. 21, 24). Der Apostel Paulus ergänzte in seinem Brief an alle Geliebten Gottes und die berufenen Heiligen zu Rom: Blindheit ist Israel zum Teil widerfahren solange, bis die Fülle der Heiden eingegangen ist, und alsdann wird das ganze Israel errettet werden. (Röm. 11, 25-26).

Das wird dann am Ende der siebenjährigen Trübsalszeit sein, wenn Jesus sichtbar für die ganze Welt wiederkommt, um sein Tausendjähriges Friedensreich in Israel aufzurichten. Besonders der zweite Teil dieser Jahrwoche ist die eigentliche "große Trübsal", von der unser Herr gesagt hat: Denn es wird alsdann eine große Trübsal sein, wie sie nicht gewesen ist von Anfang der Welt bisher und auch nicht wieder werden wird. Und wenn diese Tage nicht würden verkürzt, so würde kein Mensch selig; aber um der Auserwählten willen werden die Tage verkürzt. (Matth. 24, 21-22).

Der Herr, der Gott Israels, hat bereits zum Propheten Jeremia über diese Zeit gesprochen und hat ihn alle Worte in ein Buch aufschreiben lassen. Demzufolge können wir jetzt darin lesen: Wehe, es ist ein gewaltiger Tag, und seinesgleichen ist nicht gewesen, und es ist eine Zeit der Angst für Jakob; doch soll ihm daraus geholfen werden. (Jer. 31, 7). Daran anschließend jedoch auch diesen Trost für sein Volk: Denn ich bin bei dir, spricht der Herr, daß ich dir helfe. Denn ich will mit allen Völkern ein Ende machen, unter die ich dich zerstreut habe; aber mit dir will ich nicht ein Ende machen. Ich will dich mit Maßen züchtigen, doch ungestraft kann ich dich nicht lassen. (Jer. 30, 11).
 

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